Wie alle meine Geschichten beinhaltet auch diese die nackte Wahrheit und selbst durchlebte Ereignisse. Oft kommt es aber auch auf den Betrachtungswinkel an, wie heute.
Wehmütig sah ich zu den Überresten des letzten Rituals – Hühnerbeine.
Ich weiß nicht, was mich dazu bewogen hat, es erneut zu tun. Mir war bewusst, dass es jedes Mal in starken Schmerzen und Magenkrämpfen endete, doch die Versuchung war einfach zu groß. Aufgeregt nahm ich den schwarzen Spiegel und bereitete mich auf die Anrufung vor.
Ob es mir wieder so schlecht gehen wird, wie das letztes Mal, als ich so töricht war und nicht hören wollte? Letztendlich bin ich halt doch nur ein Mensch und erliege der einen oder anderen Versuchung. Ich weiß auch nicht, wie viele der sieben Todsünden ich in letzter Zeit nicht fröne. Auf Platz eins war in letzter Zeit sicher Acedia. Habe ich es doch seit Tagen nicht geschafft, mich aus dem Bett zu bewegen. Viel zu kalt ist es dafür. Doch nun versuchte ich gerade die maßlose Faulheit mit einer anderen Sünde zu ersetzen.
So konzentrierte ich mich und formulierte meinen Wunsch. Es war ein Tag der Ausschweifungen, dachte ich mir und war kaum noch zu stoppen. Vor allem kann man im Vorhinein nie wissen, was dann letztendlich eintreffen wird. Von daher denke ich lieber groß – auch um meine unstillbare Gier zu stillen.
Gier… auch wieder eine Todsünde
Es heißt, man soll den Wunsch vergessen, damit er in Erfüllung geht. Dem ist nicht immer so, aber es kommt schon des Öfteren vor, dass ich mich plötzlich vor der Ankunft erschrecke. Wer mich kennt, weiß, dass ich generell sehr schreckhaft bin. Das hat nicht unbedingt etwas mit richtiger Angst zu tun. Eine Heilerin hat mir vor vielen, vielen Jahren erklärt, dass es der Schlag auf den Bauch war, den ich im Mutterleib miterlebte, gefolgt von dem Wunsch meiner Mutter kein Kind zu bekommen. Zu meinem Leidwesen wurde ich aber dann doch geboren. Das ist aber eine andere Geschichte.
In der Zwischenzeit versuchte ich mich abzulenken. Ich hatte ein ungutes, flaues Gefühl im Magen und machte mich daran, langsam alles vom letzten Mal aufzuräumen. Es war eine richtige Schlacht, die ich veranstaltet hatte und nun war ich mit den Überresten konfrontiert. Stück für Stück hatte ich entsorgt bis es in meiner viel zu kleinen Stube endlich wieder wohnlich war. Es war nun die Zeit gekommen, eine Kerze zu entzünden und zu meditieren. Ich ließ die letzten Tage Revue passieren. Mir war bewusst, dass alles vollkommen aus dem Ruder gelaufen war und ich absolut jegliche Kontrolle über mein Leben verloren habe. Aber das war mir nun auch egal.
Die Ankunft
Nach einiger Zeit sah ich ihn näher kommen – den Engel. Er war komplett vermummt, sodass man nur seine Augen erkennen konnte. Auf seinem Gefährt näherte es sich mir und ich sah, dass ihm kalt war. Wenn es nach mir ginge, gäbe es überhaupt keinen Winter mehr. Und obwohl die unerträglichen, widerwärtigen, Klebstoff schnüffelenden Dämonen der Neuzeit – welche einen abartigen Fetisch für Asphalt pflegen – stets prophezeien, dass es keinen Winter mehr geben werde, stand ich da und beobachtete meinen Atem.
Meine Finger waren mittlerweile so dünn, wie schon lange nicht mehr und mein Ring drohte sich zu lösen. Tausende kleine Nadelstiche bohrten sich in mein Fleisch und ich empfand zutiefstes Mitleid mit der Entität, welche ich manifestierte. Als wir uns gegenüber standen gab ich ihm einen kleinen Obolus für seine Mühen. Er war wirklich sehr freundlich und sodann empfing ich seine Gabe.
Zurück in der Stube, legte ich etwas Holz nach, um mich zu wärmen. Meine Finger waren noch zu steif und zu kalt, um zu ergreifen, was ich begehrte. Am Tisch richtete ich alles wie einen Altar schön her, bevor ich dazu überging das Überreichte auszubreiten. Zufriedenheit kehrte in mein Herz. Oh, ich sollte das nicht empfinden, wenn ich dabei war wieder eine Todsünde zu begehen. Nicht nur das, ich wusste doch genau, was mich wieder erwarten würde.
»Alles im Leben hat seinen Preis; auch die Dinge, von denen man sich einbildet, man kriegt sie geschenkt.«
~ Theodor Fontane
Der Preis
Für jeden Wunsch, für jeden Pakt, für jedes Ding im Leben zahlt man einen Preis. Ja, auch ich. In Gedanken fragte ich mich, ob es das wirklich wert war. Als ob es irgendeinen Einfluss darauf hätte, ob ich es wieder tun würde oder nicht. Mir war doch bereits klar, dass mich nie etwas davon abhalten würde. Ich kenne mich.
Kein Schmerz hat mich bisher von dieser Todsünde geheilt. Auch wenn ich nun hier sitze, um diese Zeilen zu schreiben, als ob sie irgendeine Art Buße für mein schädliches Handeln wäre. Meine Eingeweide drehen sich im Kreis und doch verspüre ich das Verlangen, es erneut zu probieren. Soll ich den Überbringer erneut manifestieren oder ist der Preis dieses Mal doch zu hoch? Also, sowohl persönlich, als auch materieller Natur.
Unbelehrbar
Und so tue ich es erneut. Wenige Sekunden nach der Anrufung ist noch ein Anflug von Reue da. Aber so ist es nun einmal, mit Menschen wie mir, die den Todsünden verfallen sind und unbelehrbar jeder Versuchung nachgehen. Ja, ich habe es erneut getan und ich werde es wieder tun. Denn die Todsünde heißt Völlerei und ich habe schon wieder eine riesige Bestellung beim KFC durchgegeben. 😉
Wann hattet ihr das letzte Mal der Völlerei gefrönt? Wann ist euch das letzte Mal der Bauch beinahe geplatzt? Vielleicht bei einem allyoucaneat-Gelage oder einfach daheim, als der Kühlschrank unsicher gemacht wurde? Lasst es mich wissen.
In diesem Sinne: Nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Du bist ein freier Mensch, entscheide selbst.

